AberZuerst habe ich mich verliebt in den Glanz deiner Augen in dein Lachen in deine Lebensfreude.Jetzt liebe ich auch dein Weinen und deine Lebensangst und die Hilflosigkeit in deinen Augen. Aber gegen die Angst will ich dir helfen denn meine Lebensfreude ist noch immer der Glanz deiner Augen. (Erich Fried) | Alles was bleibtGefühl, Gedanken, seine Nähe, der Ton seiner Stimme, der Duft seiner Haut all das bleibt.Der Schmerz über das Vergangene, der Platz für ihn im Herzen, die schönen Stunden all das bleibt. Jedes Wort, jede Zärtlichkeit jede Minute, an die man sich erinnert an seine Worte, wie er sagte, dass er sie liebt all das bleibt. Schmerz und Zorn über das Goodbye ob nun echt, ob Eitelkeit, auch der Kampf zwischen Gefühl und Verstand auch das bleibt für sehr lange Zeit. Schau nach vorn, denk nicht zurück, bewahr die schönen Stunden Dir im Herzen, atme durch und lieb das Leben denn Leben ist es, was für immer bleibt. (Erich Fried) | An Dich denkenAn Dich denken und unglücklich sein?Wieso? Denken können ist doch kein Unglück und denken können an Dich: an Dich wie Du bist an Dich wie Du Dich bewegst an Deine Stimme an Deine Augen an Dich wie es Dich gibt. Wo bleibt da für wirkliches Unglück (wie ich es kenne und wie es mich kennt) noch der Raum oder die Enge? (Erich Fried) |
AufhebungSein Unglückausatmen können tief ausatmen so dass man wieder einatmen kann. Und vielleicht auch sein Unglück sagen können in Worten in wirklichen Worten die zusammenhängen und Sinn haben und die man selbst noch verstehen kann und die vielleicht sogar irgendwer sonst versteht oder verstehen könnte. Und weinen können Das wäre schon fast wieder Glück (Erich Fried) | AbrogazionePoter espirarela sua sfortuna respirare profondamente in modo che di nuovo si può respirare E forse anche poter dire la sua sfortuna in parole in termini reali che correlano e anno senso e che si può essere in grado di capire personalmente e che forse perfino anche qualcun’ altro capisce o potrebbe capire e poter piangere Questo sarebbe già quasi felicità [Erich Fried], trad. da Dante Simonitto | AntwortZu den Steinenhat einer gesagt: seid menschlich Die Steine haben gesagt: Wir sind noch nicht hart genug. (Erich Fried) |
Angst und ZweifelZweifle nichtan dem der sagt er hat Angst aber hab Angst vor dem der dir sagt er kennt keinen Zweifel (Erich Fried) | BedingungWenn es Sinn hätte zu leben hätte es Sinn zu leben.Wenn es Sinn hätte noch zu hoffen hätte es Sinn noch zu hoffen. Wenn es Sinn hätte sterben zu wollen hätte es Sinn sterben zu wollen. Fast alles hätte Sinn wenn es Sinn hätte. (Erich Fried) | Dann wiederWas keinergeglaubt haben wird was keiner gewusst haben konnte was keiner geahnt haben durfte das wird dann wieder das gewesen sein was keiner gewollt haben wollte (Erich Fried) |
DefinitionEin Hundder stirbt und der weiß dass er stirbt wie ein Hund und der sagen kann dass er weiß dass er stirbt wie ein Hund ist ein Mensch. (Erich Fried) | DichDich nicht näher denkenund dich nicht weiter denken dich denken wo du bist weil du dort wirklich bist Dich nicht älter denken und dich nicht jünger denken nicht größer nicht kleiner nicht hitziger und nicht kälter Dich denken und mich nach dir sehnen dich sehen wollen und dich liebhaben so wie du wirklich bist (Erich Fried) | Die WarnerWenn Leute dir sagen:Kümmere dich nicht soviel um dich selbst dann sieh dir die Leute an die dir das sagen: An ihnen kannst du erkennen wie das ist wenn einer sich nicht genug um sich selbst gekümmert hat (Erich Fried) |
DannWenn dein Glückkein Glück mehr ist dann kann deine Lust noch Lust sein und deine Sehnsucht ist noch deine wirkliche Sehnsucht Auch deine Liebe kann noch Liebe sein beinahe noch glückliche Liebe und dein Verstehen kann wachsen Aber dann will auch deine Traurigkeit traurig sein und deine Gedanken werden mehr und mehr deine Gedanken Du bist dann wieder du und fast zu sehr bei dir Deine Würde ist deine Würde Nur dein Glück ist kein Glück mehr (Erich Fried) | Die GleichungenIch verlernewas ich gelernt habe in der Schule Zukunft durch Angst ist Vergessen Leben durch Angst ist Irrsinn Vergessen durch Irrsinn ist Krieg Ich weiß noch das heißt dann Angst mal Irrsinn ist Leben Ich weiß auch noch das heißt Angst mal Vergessen ist Zukunft Aber ich weiß nicht was für eine Zukunft das ist Und was ist Angst mal Angst? Und was ist dann Friede? Wir haben als Kinder doch rechnen gelernt Wozu? (Erich Fried) | Diese LeereWie leer ist es, da, wo etwas war Wo WAS war?Etwas, was nicht mehr da ist Und ist es nicht mehr da? Warum nicht? Und wirklich nicht? Kann es nicht wieder da sein? Darf es nicht wieder da sein? Wie groß muss gewesen sein, Was da war, dass alles jetzt, wenn es vielleicht nicht mehr da ist oder vielleicht nicht mehr da sein wird, so leer ist, dass Leere in Leere übergeht oder untergeht oder ruht? Müsste Ruhe nicht eigentlich anders sein als das, was leer ist und doch kalt ist, obwohl das Leere nicht kalt sein kann als das, was leer ist und doch noch brennt, obwohl das Leere nicht brennen kann als das, was leer ist, und doch den Hals zuschnürt, obwohl das Leere den Hals nicht zuschüren kann. Was ist es also? (Erich Fried) |
Du liebe ZeitDa habe ich einen gehörtwie er seufzte: "Du liebe Zeit!" Was heißt da "Du liebe Zeit"? "Du unliebe Zeit", muss es heißen "Du ungeliebte Zeit!" von dieser Unzeit, in der wir leben müssen. Und doch Sie ist unsere einzige Zeit Unsere Lebenszeit Und wenn wir das Leben lieben können wir nicht ganz lieblos gegen diese unsere Zeit sein Wir müssen sie ja nicht genau so lassen, wie sie uns traf (Erich Fried) | DurcheinanderSich lieben in einer Zeitin der Menschen einander töten mit immer besseren Waffen und einander verhungern lassen Und wissen dass man wenig dagegen tun kann und versuchen nicht stumpf zu werden Und doch sich lieben Sich lieben und einander verhungern lassen Sich lieben und wissen dass man wenig dagegen tun kann Sich lieben und versuchen nicht stumpf zu werden Sich lieben und mit der Zeit einander töten Und doch sich lieben mit immer besseren Waffen (Erich Fried) | Eifriger FrostMeine Sonneist scheinen gegangen in deinem Himmel Mir bleibt der Mond den ruf ich aus allen Wolken Er will mich trösten Sein Licht sei wärmer und heller Nicht gelb verfärbt dass man nur noch denkt ans Erkalten Sonne komm wieder! Der Mond ist zu hell und zu heiß für mich! (Erich Fried) |
Ein VersuchIch habe versucht zu versuchen während ich arbeiten muss an meine Arbeit zu denken und nicht an dichUnd ich bin glücklich dass der Versuch nicht geglückt ist. (Erich Fried) | ErwägungIch soll das Unglück das ich durch dich erleide abwägen gegen das Glück das du mir bistGeht das nach Tagen und Stunden? Mehr Wochen der Trennung des Kummers des Bangseins nach dir und um dich als Tage des Glücks Aber was soll das Zählen? Ich habe dich lieb (Erich Fried) | FragenWie groß ist dein Leben? Wie tief? Was kostet es dich? Bis wann zahlst du? Wie viel Türen hat es? Wie oft hast du ein neues begonnen? Warst du schon einmal gezwungen um es zu laufen? Wenn ja bist du rundherum gelaufen im Kreis oder hast du Einbuchtungen mitgelaufen? Was dachtest du dir dabei? Woran erkanntest du dass du ganz herum warst? Bist du mehrmals gelaufen? War das dritte Mal wie das zweite? Würdest du lieber die Strecke im Wagen fahren? oder gefahren werden? in welcher Richtung? von wem?(Erich Fried) |
Drei WünscheIch wollte manchmal ich wäre so erfahren, wie ich alt bin oder auch nur so klug, wie ich erfahren bin oder wenigstens so glücklich, wie ich klug bin aber ich glaube ich bin zu dumm dazu(Erich Fried) | Notwendige FragenDas Gewicht der Angst Die Länge und Breite der Liebe Die Farbe der Sehnsucht im Schatten und in der Sonne Wieviel Steine geschluckt werden müssen als Strafe für Glück und wie tief man graben muss bis der Acker Milch gibt und Honig(Erich Fried) | Frau WeltIch bin zur Welt gekommen und bin nun endlich so weit laut zu fragen wie ich dazukomme zu ihr zu kommenSie kommt und sagt leise: Du kommst nicht du bist schon im Gehen (Erich Fried) |
FügungenEs heißt ein Dichter ist einer der Worte zusammenfügt Das stimmt nicht Ein Dichter ist einer den Worte noch halbwegs zusammenfügen wenn er Glück hat Wenn er Unglück hat reißen die Worte ihn auseinander(Erich Fried) | GedankenfreiheitWenn ich an deinen Mund denke wie du mir etwas erzählst dann denke ich an deine Worte und an deine Gedanken und an den Ausdruck deiner Augen beim SprechenAber wenn ich an deinen Mund denke wie er an meinem Mund liegt dann denke ich an deinen Mund und an deinen Mund und an deinen Mund und an deinen Schoß und an deine Augen (Erich Fried) | GlücksspielDas was man sieht sieht einen so dass es einen zum Glück vielleicht blind macht für das was man siehtDas was man liest liest einen so dass es einen zum Glück vielleicht blind macht für das was man nicht liest Das was man hält für Glück das rollt und das stellt zum Unglück nicht die Frage zu wessen Glück es sie nicht gestellt hat (Erich Fried) |
Grenze der VerzweiflungIch habe Dich so lieb dass ich nicht mehr weiß ob ich Dich so lieb habe oder ob ich mich fürchteob ich mich fürchte zu sehen was ohne Dich von meinem Leben noch am Leben bliebe Wozu mich noch waschen wozu noch gesund werden wollen wozu noch neugierig sein wozu noch schreiben wozu noch helfen wollen wozu aus den Strähnen von Lügen und Greueln noch Wahrheit ausstrählen ohne Dich Vielleicht doch weil es Dich gibt und weil es noch Menschen wie Du geben wird und das auch ohne mich (Erich Fried) | GründeWeil das alles nicht hilft Sie tun ja doch was sie wollen Weil ich mir nicht nochmals die Finger verbrennen will Weil man nur lachen wird; Auf dich haben sie gewartet Und warum immer ich? Keiner wird es mir danken Weil da niemand mehr durchsieht sondern höchstens noch mehr kaputt geht Weil jedes Schlechte vielleicht auch sein Gutes hat Weil es Sache des Standpunktes ist und überhaupt wem soll man glauben? Weil auch bei den anderen nur mit Wasser gekocht wird Weil ich das lieber Berufeneren überlasse Weil man nie weiß wie einem das schaden kann Weil sich die Mühe nicht lohnt weil sie alle das gar nicht wert sind Das sind Todesursachen zu schreiben auf unsere Gräber die nicht mehr gegraben werden wenn das die Ursachen sind(Erich Fried) | HaltenDas heißt nicht weiter - nicht näher - nicht einen Schritt oder heißt Schritthalten ein Versprechen - mein Wort oder RückschauHalten dich mich zurück - den Atem an - mich an dich dich fest aber nicht dir etwas vorenthalten Halten dich in den Armen in Gedanken - im Traum - im Wachen Dich hochhalten gegen das Dunkel des Abends - der Zeit - der Angst Halten dein Haar mit zwei Fingern deine Schultern - dein Knie - deinen Fuß Sonst nichts mehr halten keinen Trumpf - keine Reden keinen Stecken und Stab und keine Münze im Mund (Erich Fried) |
In dieser ZeitGegen das alles du als mein Gegengewicht?Vielleicht wenn du wirklich bei mir wärest um mich zu halten um zu liegen auf mir in der Nacht damit dieser Sog mich nicht fortreißt weil auch du immer wieder ankämpfst gegen das alles Und gegen das alles für dich ich als dein Gegengewicht? Vielleicht wenn ich wirklich bei dir bin um dich zu halten (Erich Fried) | InschriftSag in was schneide ich deinen Namen?In den Himmel? Der ist zu hoch In die Wolken? Die sind zu flüchtig In den Baum der gefällt und verbrannt wird? Ins Wasser das alles fortschwemmt? In die Erde die man zertritt und in der nur die Toten liegen? Sag in was schneide ich deinen Namen? In mich und in mich und immer tiefer in mich (Erich Fried) | Kein UnterschlupfNicht sich verstecken vor den Dingen der Zeit in die LiebeAber auch nicht vor der Liebe in die Dinge der Zeit (Erich Fried) |
Kleines BeispielAuch ungelebtes Lebengeht zu Ende zwar vielleicht langsamer wie eine Batterie in einer Taschenlampe die keiner benutzt Aber das hilft nicht viel: Wenn man (sagen wir einmal) diese Taschenlampe nach so- und so vielen Jahren anknipsen will kommt kein Atemzug Licht mehr heraus und wenn du sie aufmachst findest du nur deine Knochen und falls du Pech hast auch diese schon ganz zerfressen Da hättest du genau so gut leuchten können (Erich Fried) | Liebesgedicht für die Freiheit und Freiheitsgedicht für die LiebeMit der Freiheit ist dasso ähnlich wie mit der Liebe Wenn dann das sogenannte Glück mich nach Jahren wieder herausholt aus dem verschlossenen Schrank und sagt: >> Nun darfst du wieder! Nun zeig was du kannst! << Werde ich dann einatmen und meine Arme ausbreiten und wieder jung sein und voller Lebensmut oder werde ich dann nach Mottenkugeln riechen und mit den Knochen klappern im Takt eines fremden Herzschlags? Mit der Freiheit ist das so ähnlich wie mit der Liebe und mit der Liebe ist das so ähnlich wie mit der Freiheit (Erich Fried) | MeerWenn man ans Meer kommt soll man zu schweigen beginnen bei den letzten Grashalmen soll man den Faden verlierenund den Salzschaum und das scharfe Zischen des Windes einatmen und ausatmen und wieder einatmen Wenn man den Sand sägen hört und das Schlurfen der kleinen Steine in langen Wellen soll man aufhören zu sollen und nichts mehr wollen wollen nur Meer Nur Meer (Erich Fried) |
Meine WahlGesetzt ich verliere dich und habe dann zu entscheiden ob ich dich noch ein Mal sehe und ich weiß: Das nächste Mal bringst du mir zehnmal mehr Unglück und zehnmal weniger GlückWas würde ich wählen? Ich wäre sinnlos vor Glück dich wiederzusehen (Erich Fried) | Notwendige FragenDas Gewichtder Angst Die Länge und Breite der Liebe Die Farbe der Sehnsucht im Schatten und in der Sonne Wieviel Steine geschluckt werden müssen als Strafe für Glück und wie tief man graben muss bis der Acker Milch gibt und Honig (Erich Fried) | Nur küssenDrei Worte mit "nur"sind mehr Glück für mich als fast alles was wir im Leben sonst tun dürfen oder tun müssen Die drei Worte sind: "Dich nur küssen" "Mich nur küssen sonst nichts? Ist das alles was du an Glück noch hast?" Nicht ganz. Denk im Falle des Falles an meine Worte zurück: Denn ich sagte vorsichtig "fast" (Erich Fried) |
Not kennt kein GebotHeute haben wirleider für Feinheiten keine Zeit sagte einer den ich schon vor Jahren als Grobian kannte (Erich Fried) | Ohne DichNicht nichts ohne dich aber nicht dasselbe. Nicht nichts ohne dich aber vielleicht weniger. Nicht nichts aber weniger und weniger. Vielleicht nicht nichts ohne dich aber nicht viel mehr(Erich Fried) | RedenZu den Menschenvom Frieden sprechen und dabei an dich denken Von der Zukunft sprechen und dabei an dich denken Vom Recht auf Leben sprechen und dabei an dich denken Von der Angst um Mitmenschen und dabei an dich denken - ist das Heuchelei oder ist das endlich die Wahrheit? (Erich Fried) |
Später GedankeMeiner Unermüdlichkeit bin ich auf einmal so müde dass mir einfällt ob du ihrer nicht schon lange müde sein musst(Erich Fried) | NachtgedichtDich bedecken nicht mit Küssen nur einfach mit deiner Decke (die dir von der Schulter geglitten ist) dass du im Schlaf nicht frierst. Später wenn du erwacht bist das Fenster zumachen und dich umarmen und dich bedecken mit Küssen und dich entdecken.(Erich Fried) | Status QuoWer will dass die Welt so bleibt wie sie ist der will nicht dass sie bleibt(Erich Fried) |
Nur nichtDas Lebenwäre vielleicht einfacher wenn ich dich gar nicht getroffen hätte Weniger Trauer jedes Mal wenn wir uns trennen müssen weniger Angst vor der nächsten und übernächsten Trennung Und auch nicht soviel von dieser machtlosen Sehnsucht wenn du nicht da bist die nur das Unmögliche will und das sofort im nächsten Augenblick und die dann weil es nicht sein kann betroffen ist und schwer atmet Das Leben wäre vielleicht einfacher wenn ich dich nicht getroffen hätte Es wäre nur nicht mein Leben (Erich Fried) | NachtliedAuf deine Brüste zwei Sterneauf deine Augen zwei Küsse in der Nacht unter dem gleichgültigen Himmel Auf deine Augen zwei Sterne auf deine Brüste zwei Küsse in der Nacht unter den mundlosen Wolken Unsere Küsse und unsere Sterne müssen wir selbst einander geben unter wetterwendischen Himmeln oder in einem Zimmer eines Hauses das steht vielleicht in einem Land in dem wir uns wehren müssen Doch in den Atempausen dieses Sichtwehrens Brüste und Augen für uns Himmel und Sterne und Küsse (Erich Fried) | Sehendass nur du bistwenn du alles bist was du bist das Zarte und das Wilde das was sich anschmiegen und das was sich losreißen will Wer nur die Hälfte liebt der liebt dich nicht halb sondern gar nicht der will dich zurechtschneiden amputieren verstümmeln Dich dich sein lassen ob das schwer oder leicht ist? Es kommt nicht darauf an mit wie viel Vorbedacht und Verstand sondern mit wie viel Liebe und mit wie viel offener Sehnsucht nach allem - nach allem was du ist Nach der Wärme und nach der Kälte nach der Güte und nach dem Starrsinn nach deinem Willen und Unwillen nach jeder deiner Gebärden nach deiner Ungebärdigkeit Unstetigkeit Stetigkeit Dann ist dieses dich dich sein lassen vielleicht gar nicht so schwer (Erich Fried) |
TotschlagenErst die Zeit dann eine Fliege vielleicht eine Maus dann möglichst viele Menschen dann wieder die Zeit(Erich Fried) | TrennungDer erste Tag war leicht der zweite Tag war schwerer Der dritte Tag war schwerer als der zweiteVon Tag zu Tag schwerer: Der siebente Tag war so schwer dass es schien es sei nicht zu ertragen Nach diesem siebenten Tag sehne ich mich schon zurück (Erich Fried) | TreueEs heißt:Ein gebrochenes Versprechen ist ein gesprochenes Verbrechen Aber kann nicht ein ungebrochenes Versprechen ein ungesprochenes Verbrechen sein? (Erich Fried) |
UngewissAus dem Leben bin ich in die Gedichte gegangenAus den Gedichten bin ich ins Leben gegangen Welcher Weg wird am Ende besser gewesen sein? (Erich Fried) | VerewigungZum Versteinern stehen die Leute Schlange Wer an die Reihe kommt steigt auf das TrittbrettEr wirft sein Geldstück ein und wählt Gesteinsart und Farbe Er selbst betätigt den Hebel und hört noch ein leises Zischen Dann wälzen ihn zwei Gehilfen in die Allee Oder man stellt ihn zu Haus auf im Kreis der Familie JEDER SEIN EIGENES DENKMAL liest man im Schlangestehen Manche stehen so stramm als wäre es gar nicht mehr nötig (Erich Fried) | Verlorene SicherheitMein Tod ist krank Er klagt sooft ich ihn sehe dass er sich klapprig und schwach und halbtot fühltWie kann ich ihm helfen? An wem soll ich sterben wenn ihn den ich lange schon kenne wenn meinem zarten leidenden schmächtigen Tod etwas zustößt? (Erich Fried) |
VielleichtErinnern das ist vielleicht die qualvollste Art des Vergessens und vielleicht die freundlichste Art der Linderung dieser Qual(Erich Fried) | Vorübungen für ein WunderVor dem leeren Baugrund mit geschlossenen Augen warten bis das alte Haus wieder dasteht und offen istDie stillstehende Uhr so lange ansehen bis der Sekundenzeiger sich wieder bewegt An dich denken bis die Liebe zu dir wieder glücklich sein darf Das Wiedererwecken von Toten ist dann ganz einfach (Erich Fried) | WarumNicht du um der Liebe willen sondern um deinetwillen die Liebe (und auch um meinetwillen) Nicht weil ich lieben muss sondern weil ich dich lieben muss Vielleicht weil ich bin wie ich bin aber sicher weil du bist wie du bist(Erich Fried) |
WasWas bist Du mir? Was sind mir deine Finger und was deine Lippen? Was ist mir der Klang deiner Stimme? Was ist mir dein Geruch vor unserer Umarmung und dein Duft in unserer Umarmung und nach ihr?Was bist du mir? Was bin ich Dir? Was bin ich? (Erich Fried) | Was es istEs ist Unsinn sagt die Vernunft Es ist was es ist sagt die LiebeEs ist Unglück sagt die Berechnung Es ist nichts als Schmerz sagt die Angst Es ist aussichtslos sagt die Einsicht Es ist was es ist sagt die Liebe Es ist lächerlich sagt der Stolz Es ist leichtsinnig sagt die Vorsicht Es ist unmöglich sagt die Erfahrung Es ist was es ist sagt die Liebe (Erich Fried) | Was ist Leben?Leben das ist die Wärme des Wassers in meinem Bad.Leben das ist mein Mund an deinem offenen Schoß. Leben das ist der Zorn auf das Unrecht in unseren Ländern. Die Wärme des Wassers genügt nicht ich muss auch darin Plätschern. Mein Mund an deinem Schoß genügt nicht auch muss ihn auch küssen. Der Zorn auf das Unrecht genügt nicht Wir müssen es auch ergründen und etwas gegen es tun. Das ist Leben! (Erich Fried) |
Was Ruhe bringtIch habe immer geglaubt was Ruhe bringt ist das Glück Aber das Unglück bringt viel tiefere Ruhe Ich wache als ob ich schliefe ohne Traum Ich atme als ob ich nicht wirklich atmen müsste Ich bin müde als ob ich nur müde wäre vom Schlafen(Erich Fried) | Was weh tutWenn ich dich verliere was tut mir dann weh? Nicht der Kopf nicht der Körper nicht die Arme und nicht die Beine Sie sind müde aber sie tun nicht weh oder nicht ärger als das eine Bein immer wehtut Das Atmen tut nicht weh Es ist etwas beengt aber weniger als von einer Erkältung Der Rücken tut nicht weh auch nicht der Magen die Nieren tun nicht weh und auch nicht das Herz Warum ertrage ich es dann nicht dich zu verlieren?(Erich Fried) | Wie du sollest geküsst seinWenn ich dich küsse ist es nicht nur dein Mund nicht nur dein Nabel nicht nur dein Schoß den ich küsse Ich küsse auch deine Fragen und deine Wünsche ich küsse dein Nachdenken deine Zweifel und deinen Mut deine Liebe zu mir und deine Freiheit von mir deinen Fuß der hergekommen ist und der wieder fortgeht ich küsse dich wie du bist und wie du sein wirst morgen und später und wenn meine Zeit vorbei ist(Erich Fried) |
Wo lernen wir?Wo lernen wir leben und wo lernen wir lernen und wo vergessen um nicht nur Erlerntes zu leben ? Wo lernen wir klug genug sein die Fragen zu meiden die unsere Liebe nicht einträchtig machen und wo lernen wir ehrlich genug zu sein und unserer Liebe zuliebe die Fragen nicht zu meiden ? Wo lernen wir uns gegen die Wirklichkeit wehren die uns um unsere Freiheit betrügen will und wo lernen wir träumen und wach sein für unsere Träume damit etwas von ihnen unsere Wirklichkeit wird ?(Erich Fried) | Zu guter LetztAls Kind wusste ich: Jeder Schmetterling den ich rette Jede Schnecke und jede Spinne und jede Mücke jeder Ohrwurm und jeder Regenwurm wird kommen und weinen wenn ich begraben werdeEinmal von mir gerettet muss keines mehr sterben Alle werden sie kommen zu meinem Begräbnis Als ich dann groß wurde erkannte ich: Das ist Unsinn Keines wird kommen ich überlebe sie alle Jetzt im Alter frage ich: Wenn ich sie aber rette bis ganz zuletzt kommen doch vielleicht zwei oder drei? (Erich Fried) | ZwischenspielUnd wenn mein Zeigefinger schon nass ist von dir mir noch Zeit nehmen und mit seiner Kuppe auf deinen Bauch ein Herz malen so dass dein Nabel mitten im Herzen die Stelle ist wo angeblich Amors Pfeil das Herz durchbohrt hat und dann erst wenn du erraten hast dass es ein Herz war was ich auf dich gezeichnet habe ...(Erich Fried) |
WollenBei dir sein wollenMitten aus dem was man tut weg sein wollen bei dir verschwunden sein Nichts als bei dir näher als Hand an Hand enger als Mund an Mund bei dir sein wollen In dir zärtlich zu dir sein dich küssen von außen und dich streicheln von innen so und so und auch anders Und dich einatmen wollen immer nur einatmen wollen tiefer tiefer und ohne Ausatmen trinken Aber zwischendurch Abstand suchen um dich sehen zu können aus ein zwei Handbreit Entfernung und dann dich weiterküssen (Erich Fried) | WantingWanting to be with youin the middle of what I'm doing wanting to be gone lost within you Nothing but with you closer than hand to hand more intimate than lips to lips wanting to be with you Being tender within you kissing you from the outside and caressing you from within this and that way and also differently And wanting to inhale you nothing but inhaling deeper deeper and to drink without exhaling And while doing so searching the distance to see you just two hands away and then kiss you again (Erich Fried) Translation by Günter Ehweiner |